
ailyh
- October 28th, 2011
Na klar, als würde irgendwas in meinem Leben funktionieren. Ich kann kaum fassen, dass ich immer wieder auf mich selbst hereinfalle, indem ich unterschwellig jedes Mal tatsächlich daran glaube, es würde klappen, obwohl ich bereits oft genug hart vom Gegenteil überzeugt worden bin.
Habe mich gestern in der Klinik angemeldet und musste warten, bis ein Platz in einem der Zimmer frei war. Die Zeit nutzte ich, um meine Ärztin auszusuchen, damit ich die Rektoskopie (Darmspiegelung) verschieben konnte, aber – natürlich – sie war wieder einmal nicht da. Ich ging also zur anderen, Wolff heißt sie und ist wenigstens vernünftig und normal in der Birne. Der Termin wurde jetzt also auf den 07.11. gelegt und ich konnte mir zurück auf Station gleich eine Nadel legen lassen. Wie gewohnt fand die Schwester keinen guten Zugang, also hatte ich unnötigerweise zwei statt eines Loches in der Hand. Fing wie immer prickelnd an.
Der Arzt der Biopsie hieß Janka und war supersympathisch. Selbst wenn der Kerl mich durch den Eingriff umgebracht hätte, ich glaube, den hätte ich nicht einmal als Geist heimsuchen können, weil ich den sofort derart mochte. Auch seine Assistentin war mir auf Anhieb sympathisch, überhaupt gab es auf Station 1.1. sehr viele Schwestern, die ich einfach toll fand. Erlebt man auch nicht immer.
Janka hat sich neben mich auf die CT Liege gesetzt, die Hände zwischen den Beinen gefaltet und kurz geschwiegen und ich dachte schon: Geil, jetzt kommt bestimmt wieder irgendeine Scheiße.
Er meinte, er hätte Riesenrespekt vor dem Eingriff, weil die Stelle, die er punktieren möchte, sehr schlecht liegt und er gerne hätte, dass ich hinterher noch lebe und halbwegs fit bin. Der Wortlaut war ungefähr:
„Ich möchte also, dass sie von dieser Liege aufstehen, auf ihre beiden Füße, ja? Und dann hier rausgehen.“
Ich schwöre, mein Herz setzte da kurz aus, weil es im ersten Moment so klang, als würde er mich gar nicht behandeln und ich solle meinen Arsch wieder von der Liege hieven und gehen. (Rückblickend wäre das besser gewesen.)
Die Biopsie war CT-gesteuert, ich wurde also erst auf den Rücken gelegt und durchgefahren, damit er nachsehen konnte, von wo er am besten stach. Ich durfte mir die Bilder ansehen und er erklärte mir jeden noch so kleinen Pups an der ganzen Sache und war auch bereit, mir alles zu erklären, was ich ihn noch zusätzlich fragte. Er meinte, er würde gerne noch schauen, ob die Organe besser lagen, wenn ich mich auf dem Bauch befand, also mal kurz drehen und nochmal scannen. Es sah tatsächlich besser aus, aber nur ein wenig. Es dauerte wirklich eine halbe Ewigkeit, bis er auf seinem Computer alle möglichen Wege durchsimuliert hatte und am Ende blieb nur ein einziger und selbst der war noch scheißkompliziert.
Ginge er durch den Bauch oder durchs Gewebe in der Nähe, waren Wahrscheinlichkeit sowie Risiko sehr hoch, dass er aus dieser Richtung die dicken, verzweigten Blutgefäße in der Leber traf und aufriss.
Von hinten war eine Option, aber nur an einer Stelle. Jede andere hätte bedeutet, dass ich meiner Lunge adé sagen konnte, zudem lag noch die rechte Niere derart ungünstig, dass er dabei auch aufpassen musste.
Ich habe die Stelle gesehen und verstehe nicht, wie man das für Narbengewebe halten kann. Für mich ist eine Narbe immer etwas Längliches, der Fleck auf dem Bildschirm aber war rund und hob sich dunkelgrau von der hellgrauen Leber ab. Aber gut, ich kenne mich nicht mit Leberoperationen aus, vielleicht sieht eine Narbe genau so aus.
Ich blieb also auf dem Rücken (und quetsche mir dabei total die Titten ab, war auch super...) und wartete, dass der Arzt sich umzog, wobei ich ihm aus Langeweile mit zugewandtem Kopf zusah. Er warf sich eine Schürze um, die ihn vor der CT-Strahlung schützte und das Ding war auch noch so rostbraun-rot, dass mir dabei nur ein Gedanke kam.
„Wissen Sie... mit der Schürze sehen Sie aus wie ein Metzger.“ Er hat gelacht und meinte, das hätte er schonmal zu hören bekommen. Dann wühlte er irgendein Päckchen hervor und meinte, er würde das sofort ändern, er wollte ja gut für mich aussehen, und hervor zog er ein blaues dieser Robendingens, die Ärzte auch im OP tragen.
„Oh, blau. Dann sehe ich wenigstens nicht mehr wie ein Metzger aus, oder?“ Mit einem Grinsen stellte er sich an meine Seite und breitete ein ebenfalls blaues Tuch über mir aus, das in der Mitte ein Loch hatte – so konnte man die auf meine Haut aufgemalte Stelle sehen, in die er stechen würde.
„Jetzt passen wir farblich wunderbar zusammen, ist das nicht schön.“
Vorher wurde ich natürlich noch gründlich desinfiziert und bekam eine Lokalanästhesie. Ich glaube, die tat fast mehr weh als der gesamte Eingriff.
„Jetzt kommt ein kleiner Piekser und dann brennt es ein wenig. *pieks*“
Es hat gebrannt und wie. Ich wäre fast zusammengezuckt und von der Liege gerollt, was ungünstig gewesen wäre, weil ich mich nicht mehr bewegen durfte, nachdem man bereits einen geeigneten Punkt gefunden hat. Dumme Betäubung (praktisch, ja, aber scheiß schmerzhaft.)
Nach der Einwirkzeit ging es dann los. Ich habe die Nadel nicht gesehen (erst hinterher), aber das war vermutlich besser so, nicht dass ich davon noch gekotzt hätte oder so.
Er hat sie immer nur zentimeterweise in mich geschoben und zwischendurch ständig per CT geprüft, ob er auf dem richtigen Weg war. Die ersten 3 cm waren kein Problem, denn da wirkte die Betäubung prima, doch dann schob er sie erneut ein Stück rein und da hat's dann wieder wehgetan. Ich fragte ihn, warum ich jetzt wieder Schmerzen hatte, und er meinte, die Betäubung käme nie bis ganz zur Leber. Prima, also steckte eine Nadel, ein langer, scharfer Fremdkörper, einfach so mal ohne Anästhesie in mir. Geil.
Das blieb zum Glück nicht so, er schob noch einmal und dann führte er darüber wieder Betäubung ein (was diesmal schmerzfrei gewesen war.) Ich hatte aufgrund der Schmerzen (es war ein stechender und irgendwie dumpfer Schmerz gewesen) Atemprobleme gehabt und die legten sich dadurch ein wenig. Aber davor habe ich vermutlich jeden einzelnen Zentimeter gespürt, den sie in mir drin war.
Es ging also noch ein wenig weiter und dann, 1 cm vor der Leber, zog er mich nach einer Kontrolle wieder aus dem CT und meinte:
„Es tut mir sehr leid, aber ich breche jetzt an dieser Stelle ab. Ich habe die Lunge erwischt und... nun, ich dachte, es ginge, aber es ist unmöglich, bis zu der Stelle zu kommen und ich will Sie nicht unnötig gefährden, das hat keinen Sinn.“
Als ich von der Lunge hörte, war ich erst entsetzt: Sie haben WAS?! Ach du Kacke.
Aber er beruhigte mich, dass es nicht direkt die Lunge selbst, sondern irgendetwas davor war, das mit ihr zusammenhängt. Ich hab's nicht ganz gerafft.
Er hat die Nadel rausgezogen und das war's. Ich glaube, in jenem Moment dachte ich gar nichts. Wie ich so schön im Rollenspiel beschrieben hatte: Es war wie eine gleißend helle Sternexplosion, die jegliche Gedanken, selbst Raum und Zeit, wegfegte und zurück blieb nichts außer absoluter, vollkommener Leere.
Ich hatte mich wieder einmal irreführen lassen von scheiß Hoffnung und anderem, absolut unnützem Kram.
Dann wollte ich heulen, obwohl ich nicht wollte. Hab' mich also vehement dagegen gewehrt, während der Arzt damit anfing, im Müll zu wühlen.
„Oh, Sie wollten ja später noch die Nadel sehen, aber die habe ich jetzt schon weggeworfen... Moment, ich hole sie mal raus hier. *Mülleimer durchforst* Das ist zwar eigentlich verboten, aber ich mach's trotzdem.“
Dann hat er sie mir gezeigt und mir ihre Funktionsweise erklärt, bevor die Wunde an meinem Rücken zugeklebt wurde und ich mich zurück in mein Bett rollen durfte. Und das war's jetzt erstmal.
Heute morgen kamen bei der Visite zwei Ärzte vorbei (wenn die älter als 30 waren, fresse ich meine Arschbacken) und meinten, es gäbe noch eine Ultraschall und eine Kamera gesteuerte Biopsie, die man vielleicht machen könnte. Tja, das ist ja schön und gut, nur wie zur Hölle wollen die die Nadel reinkriegen? Es gab nur einen Weg und der klappte nicht.
Zudem wirkten sie noch grün hinter den Ohren und die Station hatte eh lauter Falschinformationen. Die wollten mich gestern und heute ständig alle spiegeln, irgendwann hat's echt genervt, denen ständig erklären zu müssen, dass ich keinen Bock darauf habe, mir eine Kamera in den Arsch schieben zu lassen und dass ihre Unterlagen fehlerhaft waren.